Ein Schulmessenger für unsere inklusive Schule

Die Hermannschule arbeitet seit Jahren an einem tragfähigen Medienkonzept, das ihren Besonderheiten und ihren besonderen Bedürfnissen gerecht wird. Ein Beispiel: Unsere Klassenräume sind längst mit interaktiven Tafeln ausgestattet.

Dann kam Corona.

Den ersten Lockdown überbrückte die Schule mit einem Experiment. Wir statteten alle Lehrkräfte und SozialpädagogInnen der Schule mit einem LTE-Tablet aus und, nach einem ersten Zögern aus datenschutzrechtlichen Gründen, richteten wir WhatsApp Konten auf diesen Tablets ein. Die Konfiguration und Nutzung der Konten erfolgten auf einer aus unserer Sicht datenschutzkonforme(re)n Weise durch das Verzichten auf die Speicherung der Kontakte, um somit eine Übermittlung dieser Kontakte an WhatsApp/Facebook zu vermeiden.

Unser Ziel war, eine größtmögliche Verfügbarkeit der Schule zu erreichen. Das verbanden wir mit einem projektheftbezogenen, websiteunterstützten Projektunterricht und mit Anreizen für den Kontakterhalt der Schülerinnen und Schüler (Frage des Tages, Preise).

Wir waren angetan von den Möglichkeiten, die sich uns damit eröffneten. Wir konnten mit vielen Schülerinnen und Schülern einen engen Kontakt erhalten, und dieser hatte auch in vielen Fällen eine hohe Qualität. Die Möglichkeit, Sprachnachrichten, Fotos und/oder Videos auszutauschen, half insbesondere Kindern und/oder Familien mit geringen Deutschkenntnissen.

Auf der anderen Seite war uns klar, dass die Nutzung von WhatsApp in vielen Hinsichten problematisch war, und suchten schon von Anfang an Alternativen. Nach einem – recht aufwändigen – Blick auf dem Markt war uns klar, dass keine der vorhandenen Angebote unseren Bedürfnissen gerecht war. Deswegen entschieden wir, einen Blick auf Open Source Alternativen zu werfen und fanden FluffyChat und Matrix.

Gemacht mit FluffyChat

FluffyChat ist ein Messenger-Client für das Matrix-Protokoll. Er ist Open Source und wird in Flutter entwickelt, so dass er für mehrere Platformen (unter anderem Android, iOS und Web) kompiliert werden kann. Das EntwicklerInnenteam setzt einen Schwerpunkt auf eine einfache Benutzeroberfläche und entwickelt benutzerfreundliche Funktionen wie das Versenden von Sprachnachrichten (was unseren Wissens zu diesem Zeitpunkt nur mit diesem Matrix-Client möglich ist). Er nutzt das Matrix SDK von famedly, einer Start-up Firma, die Messengerlösungen im Gesundheitswesen anbietet.

Die Hermannpost

Die Hermannpost ist eine „Mod“ von FluffyChat: Wir haben den frei verfügbaren Code von Fluffychat genommen und ihn an unsere Bedürfnisse als internationale Begegnungsschule und inklusive Grundschule angepasst. Die Kriterien für die Einführung von Änderungen waren Sicherheit, Barrierefreiheit, Datenschutz und Jugendschutz.

Sicherheit, weil wir mit der sensiblen Kommunikation von SchülerInnen und Eltern betraut werden. Barrierefreiheit, weil wir den Zugang zu dieser Kommunikationsform so leicht wie möglich gestalten möchten, weil wir so unserem Ziel der Bildungsgerechtigkeit näherkommen. Datenschutz, weil dies ein Recht jedes Kindes und jeder Familie ist, und unser Auftrag das Einhalten der gesetzlichen Vorgaben ist. Jugendschutz, weil wir in der Grundschule mit besonders schutzbedürftigen Menschen zu tun haben, die Betreuung, Begleitung und Schutz bei der Einführung in dieses Medium brauchen.

Sicherheit

Wir betreiben unsere eigene Matrix Instanz auf einem eigenen Server in unserem Schulgebäude. Darauf läuft Synapse, die Referenz-Serversoftware von matrix.org. Matrix hat sich zu einem Standard für sicheres Messaging entwickelt und wird u.a. von der französischen Verwaltung, von der Bundeswehr und neulich von der LOGINEO-NRW Platform benutzt.

Unser Server ist nicht föderiert – das heißt, dass andere Matrix-Instanzen (z.B. matrix.org) keinen Zugang zu unserem Server (d.h. weder Räume noch Konten) haben. Das heißt auch im Umkehrschluss, dass Kinder und Eltern auch nicht mit anderen Konten außerhalb unseres Servers kommunizieren können. In anderen Worten: Unser Server ist geschlossen und von externen Akteuren geschützt.

Die Nutzung von einem spezifischen Client fügt noch ein zusätzliches Sicherheitslayer hinzu. Das Anmeldeverfahren benutzt einen verschlüsselten QR-Code (dazu mehr unter „Barrierefreiheit“), der die Anmeldedaten zusätzlich verschleiert, so dass die Anmeldung mit einem anderen Client nicht möglich ist.

Barrierefreiheit

Die Anmeldung in Matrix ist ein vergleichsweise aufwändiger Vorgang, bei dem Servername, Matrix-ID und (ein idealerweise langes) Passwort eingegeben werden muss. Dies stellt eine Hürde, die für unsere NutzerInnen schwer zu bewältigen ist. Um dieses Anmeldeverfahren zu vereinfachen, haben wir die Anmeldedaten in einem „QR-Schlüssel“ versteckt und mit einer PIN-Nummer ergänzt, die vom / von der NutzerIn eingegeben werden muss. So vereinfachen wir den Anmeldeprozess und ermöglichen gleichzeitig die Nutzung von einem langen, sicheren Passwort, ohne dass der/die Nutzer sich mit der Eingabe mit der Tastatur quälen muss. Die zusätzlich erforderliche PIN verhindert, dass sich Unbefugte allein mit dem QR-Code (oder eine Kopie) anmelden können.

Als Nebeneffekt eröffnet dieses unkomplizierte und schnelle An- und Abmeldeverfahren die Möglichkeit, mit einem einzigen Gerät leicht zwischen mehreren Konten wechseln zu können. Dies ist für uns von besonderer Bedeutung, da kleinere Grundschulkinder oft nicht über ein eigenes Gerät verfügen und auf das Gerät der Eltern angewiesen sind. Ebenfalls ist dies vom Vorteil, wenn mehrere Geschwisterkinder sich ein Gerät teilen müssen.

Die Verfügbarkeit von Übersetzungen in mehreren Sprachen in Fluffychat besonders wertvoll, da die meisten Familien in unserer Schule nicht Deutsch als Erstsprache sprechen.

An verschiedenen Stellen haben wir ebenfalls kleine Änderungen vorgenommen, um die Komplexität zu reduzieren, indem wir z.B. einige Einstellungen und spezialisierte Informationen ausgeblendet/umsortiert haben, eigene leichter zu verstehende Icons benutzt haben oder zusätzliche Dialoge mit Bildern bei bestimmten Funktionen eingefügt haben.

Datenschutz

Dieser Aspekt spielt bei der Einführung eines Messenger-Dienstes in einer Grundschule eine kritische Rolle. Matrix ist in dieser Hinsicht so ausgelegt, dass die Kommunikation zwischen Nutzern erleichtert wird. So kann man z.B. in Gruppenräumen sehen, wer sich in diesem Raum befindet und jede/n anschreiben.

Einige Einschränkungen haben wir im Server vorgenommen. Dieser ist nicht föderiert, das heißt er ist von anderen Matrix-Servern isoliert und eine Kommunikation zwischen ihnen ist nicht möglich. Der Nutzerverzeichnis ist deaktiviert, so dass eine Suche von NutzerInnen nicht vorgenommen werden kann.

In unserem Client haben wir an mehreren Stellen auch die Sichtbarkeit von personenbezogenen Daten zusätzlich eingeschränkt. So ist Kindern und Eltern nicht möglich, auf Informationen anderer NutzerInnen in den Gruppeninformationen zuzugreifen. Ebenfalls haben wir „state messages“, die oft personenbezogene Informationen beinhalten (z.B. „XYZ hat den Raum betreten/verlassen/das Avatar geändert“), in unserem Client ausgeblendet, was nicht nur dem Datenschutz zugutekommt, sondern auch die Barrierefreiheit erhöht (weniger Text hilft, sich auf die bedeutsamen Inhalte zu konzentrieren).

Jugendschutz

In diesem Bereich haben wir uns besonders viele Gedanken gemacht, da wir mit der Nutzung von einem Messenger-Dienst mit Grundschulkindern Neuland betreten und wir uns daher in einer besonderen Fürsorgepflicht sehen.

Die weitreichendere Maßnahme, die wir in diesem Bereich vorgenommen haben, ist die Einschränkung der Kontaktmöglichkeiten zwischen NutzerInnen. Erstens soll im Vordergrund die Kommunikation zwischen Kindern/Eltern und Lehrkräften stehen. Zweitens möchten wir in jedem Fall mögliche Cybermobbing-Fälle - soweit es geht - erschweren.

Deswegen ist die Kommunikation zwischen NutzerInnen (Eltern/Kindern) ausschließlich über die Nutzung von „QR-Einladungen“ möglich. Jede/r Nutzer/in bekommt mit den Zugangsdaten eine eigene QR-Einladung, die er/sie anderen NutzerInnen geben kann. Erst wenn diese Einladung eingescannt wird kann einen Chat zwischen beiden NutzerInnen gestartet werden. In einer Distanzsituation ist es für Lehrkräfte möglich, Einladungen anderer Kinder zu schicken. Das heißt, wenn ein Kind mit einem anderen Kind chatten möchte, kann es die Lehrkraft beauftragen, diesem Kind eine Einladung zu schicken.

Wir haben ebenfalls die Option, Gruppen zu bilden, in dem Client ausgeblendet. Lehrkräfte können Kinder zu Gruppen einladen, diese sind aber immer von der Lehrkraft betreut, moderiert und begleitet.

Die Option einer Videokonferenz haben wir für SchülerInnen ausgeblendet, d.h. nur Lehrkräfte können Kinder - vorausgesetzt einer Einwilligung der Eltern - einladen.

Dokumentation der vorgenommenen Änderungen im Einzelnen

Es sind noch zusätzliche Änderungen vorgenommen werden, um die Arbeit der Lehrkräfte zu erleichtern. Alle Änderungen im einzelnen finden Sie im Source Code.

Übertragbarkeit

Bis auf die Nutzung von Excel und VBA-Script für die Generierung der Konten und der Zuweisung der Räume, basiert unsere gesamte digitalen Arbeitsumgebung auf Open Source. Das heißt, dass jede Schule diese Arbeitsumgebung nachbauen - und nach den eigenen Bedürfnissen ändern kann.

Wir hoffen, dass andere Schulen von unserer Arbeit profitieren können und helfen gerne, wo wir können!

Im folgenden Links zu allen Ressourcen, die wir benutzt haben:

Source Code für Synapse (Matrix Server): https://github.com/matrix-org/synapse/

Source Code für Matrix Corporal (Konten- und Räumeverwaltung mit Moderationstools): https://github.com/devture/matrix-corporal

Source Code für FluffyChat: https://gitlab.com/famedly/fluffychat

Source Code für die Hermannpost: https://gitlab.com/hermanncoders/hermannpost

Source Code für Jitsi Meet (Videeokonferenz-Server): https://github.com/jitsi/jitsi-meet

Source Code für Nextcloud: https://github.com/nextcloud/server